Zwei Perspektiven.

Paar Konflikte erkennen und ändern

Auf Wiedersehen, du guter Plan!

Es ist erst Dienstag und ich bin mit den Nerven schon am Ende. Aus meinem Plan, in dieser Woche auch etwas Zeit für mich zu haben, wird nichts und alle meine Vorsätze vom Wochenende sind bereits vergessen.

Mein Name ist Anna und ich bin 36 Jahre alt. Mit meinem Freund Sven habe ich einen gemeinsamen Sohn. Paul ist drei Jahre alt und geht vormittags in eine Kita. Er ist ein liebes Kind und vielleicht fühle ich mich deshalb sogar noch schlechter. Anfangs dachte ich, es liegt einfach nur daran, dass ich zu faul bin und mich einfach besser organisieren müsste. 

Ich fühle mich alleingelassen mit dem Haushalt und der Kinderbetreuung. Sven verabschiedet sich täglich für 9–10 Stunden aus dem gemeinsamen Leben und erwartet, dass er am Abend in eine heile, optimierte Welt zurückkehrt. Sven hat eine genaue Vorstellung, wie alles abzulaufen hat. Auch am Wochenende. Als wären Paul und ich Zeitfenster, inszeniert er dort seine Vorstellung vom Bilderbuchvater.

Sven macht es sich zu einfach, wenn er sich immer wieder darauf beruft, dass wir diese Aufteilung unseres Alltags so vereinbart hatten. Ja, das trifft auf die ersten 9 Monate nach der Geburt zu, aber wir haben auch gemeinsam besprochen, dass es mir möglich sein muss, meinen Beruf mindestens wieder halbtags auszuüben.

Davon ist nichts mehr übrig, stattdessen läuft es so, dass ich mich um Paul unter der Woche kümmere und – rein theoretisch – dann Zeit hätte, wenn ich alle Aufgaben erledigt habe. Das funktioniert aber nicht. Auch weil ich mich allein und überfordert fühle.

Sobald ich mit ihm darüber reden möchte, höre ich, dass wir einen Deal hatten. Ich bin enttäuscht und habe das Gefühl, dass er mich verstehen könnte, wenn er es wollte. Es interessiert ihn alles nicht, denn für ihn fühlt es sich so, wie es ist, gut an. Aber ich habe keine Lust mehr, nur zu funktionieren.

Aber Schatz, wir haben das doch alles so gemeinsam beschlossen!

Es ist richtig, dass Sven und ich vor der Geburt gemeinsam beschlossen haben, dass er in seinem gut bezahlten Job weiter arbeitet. Ich hatte vor, die Elternzeit zu nutzen, um eine Zusatzausbildung zu machen. Nach etwa einem dreiviertel Jahr habe ich mit 10–15 Wochenstunden wieder in meinem Job zu arbeiten begonnen.

Ihm gefällt´s – ihr nicht.

Es ist nicht einfach, sich aus einer verfahrenen Situation möglichst so zu befreien, dass wir niemandem dabei wehtun oder es zu größeren Konflikten kommt.

Oft – und so scheint es auch hier der Fall zu sein – liegen die Probleme tiefer.

Hinzu kommt, dass diejenigen, die darunter leiden, meist in einer schwächeren Position sind. Niemand möchte sich das eingestehen, aber das kann ein erster Schritt sein, um wieder für sich einzustehen. 

Sobald es zu einem Ungleichgewicht kommt, das nur die eine Seite stört, dann helfen Appelle oft wenig. Denn wenn sich der Partner so eingerichtet hat, dass er nicht von seinen Routinen abweichen möchte, dann sind vereinbarte Kompromisse oft nur von kurzem Erfolg gekrönt.

Im Beispiel von Anna und Sven sieht das Machtverhältnis so aus, dass Sven bei jeder Gelegenheit sein gutes Gehalt als Rechtfertigung dafür anführt, dass er sich eben nicht um die Dinge des Alltags kümmern kann. Und es schwingt mit – auch nicht muss und will. Anna empfindet das nicht nur als Bedrohung, sondern auch als zusätzliches Zeichen ihres Ausgeliefertseins, dabei möchte sie doch so gern eine Perspektive für sich. Nicht nur als Mutter. Auf Anna führt dieses Argument zu einem Gefühl der Ausweglosigkeit. Sie hat ihr Leben nicht mehr selbst in der Hand.

Was könnte Anna tun?

  1. Sich klarmachen, dass ihre Empfindungen des Ungleichgewichts ein positives Signal ihrer Persönlichkeit sind.
  2. Sich einer Person anvertrauen, die sie in ihrer Wahrnehmung bestärkt.
  3. Einen letzten Versuch im Guten unternehmen: 
    • Eine Dokumentation all der Dinge führen, die sie erledigt und die sie ablenken. 
    • Ihrem Partner in einem Gespräch aufzeigen, dass viel zu viel an ihr hängen bleibt und sie seine Unterstützung für eine gemeinsame Lösung benötigt.
  4. Oft führt diese auf Verständnis zählende Methode nicht zu einer Einsicht des Partners, so dass kein Weg daran vorbei geht, dass hier Tatsachen geschaffen werden müssen, um eine Veränderung herbeizuführen.
    1. Sich ansehen, bei welchen Dingen man kürzer treten könnte.
    2. Das oft übertriebene Idealbild, eine perfekte Mutter, Hausfrau und Berufstätige zu sein, abzulegen.
    3. Sich Szenarien vorstellen, die zu einer Entlastung führen könnten.
    4. Sich Zeit verschaffen, um einen klaren Kopf zu bekommen und sich mit anderen austauschen, denen es ähnlich geht.
ERKENNEN

Der VisioMio-Moment

Bevor Anna die Hoffnung aufgab, dass Sven sich bereit erklären würde, das Thema auch als sein Thema zu betrachten, suchte sie noch mehrmals das Gespräch. Doch als Sven an einem Sonntag, während er Spaghetti kochte, was er einmal im Monat tat, zu ihr sagte, dass er ihr Problem nicht verstehen würde, begriff sie, dass sie es war, die eine Lösung finden musste. Seine Bemerkung, dass das Kochen ja etwas meditatives habe und er sie darum beneiden würde, dass sie jeden Tag die Zeit dafür hatte, nahm ihr jede Illusion, dass er sie verstehen wollte. Sie begriff, dass sich nie etwas ändern würde, wenn sie nur darauf wartete.